
Raum
Das Erste, was T auffiel, war das Licht. Es kam von überall und nirgendwo und warf keinen einzigen Schatten — nicht unter dem Tisch, nicht unter seinen Händen, nicht einmal in den Falten seines Hemds. T starrte eine Weile auf seine Handflächen, bis er begriff, was ihn daran störte: Die Linien darauf sahen aus wie gezeichnet. Sauber. Symmetrisch. Wie von jemandem entworfen, der Handflächen nur aus Beschreibungen kannte.
Er saß in einem weißen, sterilen Raum ohne Fenster, mit Handschellen an einen Tisch in der Raummitte fixiert. Als er an den Fesseln zog — mehr aus Reflex als aus Hoffnung —, schrammte das Metall über das braun gemusterte Lederarmband seiner Segeluhr. Analog, blaues Zifferblatt, ein Geschenk an sich selbst. Der Sekundenzeiger stand still. T sah an sich herab: leicht verwaschene dunkle Jeans, hellbraune Leder-Sneaker, das dunkle T-Shirt unter dem lässigen Hemd — die komplette Hauptstadt-Hipster-Uniform eines jung wirkenden Informatikers von fünfunddreißig Jahren, dem gerade sehr kalt wurde. T kannte solche Räume. Allerdings nur aus amerikanischen Polizeiserien. Doch dies war nicht Amerika, sondern Deutschland. Und je länger er den stillstehenden Sekundenzeiger ansah, desto sicherer war er, dass dies auch kein normales Verhör durch die Exekutive eines souveränen Staates war.
Man konnte nicht behaupten, dass er unschuldig war — jedenfalls nicht „unschuldig“ im klassischen, moralinsauren Sinne. Aber das mit der Schuld ist eh so eine Sache, wenn ein Spiel die Missionen vergibt und eine KI das Spiel steuert. Oder eine Gruppe von Administratoren die KI. Oder die KI die Administratoren — so genau wusste das wohl keiner, und T war weit genug aufgestiegen, um zu wissen, dass es keiner wusste. Er war kein Jurist. Aber mit dem Beschreiben von Regeln kannte er sich aus. Mit dem Befolgen — selbst seiner eigenen — nicht so sehr. Das war einer der Gründe, weshalb er sich nun in dieser misslichen Lage befand.
T atmete langsam und sehr bewusst ein und aus, so wie man es ihm einmal beigebracht hatte. Es funktionierte nicht. Sein Puls schlug bis in die Fingerspitzen, und durch seinen Kopf rasten Fetzen möglicher Frage-und-Antwort-Konstellationen, Szenen, Bilder. Wie kam er hier heil wieder heraus? Und dahinter, leiser: Machte es überhaupt einen Unterschied? Für die Idee? Für die Sache?
T hatte nicht mitbekommen, wie der Mann in den Raum getreten war. Vielleicht war er auch schon die ganze Zeit dagewesen; die Tür befand sich hinter T — glaubte er jedenfalls —, und die Fesseln hinderten ihn daran, sich ganz umzudrehen. Der Mann trug einen schwarzen Anzug und schwarze Lederschuhe, die italienische, seriöse Art. Schuhe dieser Art machten Geräusche auf hartem Boden. Diese nicht. Seine rote Krawatte wirkte lächerlich deplatziert, doch T war sich sicher, dass sie den Rang des Mannes in der Organisation widerspiegelte. In Kombination mit der Glatze und den starren blauen Augen wirkte er in der Summe wie ein intelligenter, doch eiskalter, brutaler Typ, der auch schon mal Finger brach, um an Informationen zu gelangen.
„Ich nehme an, Sie wissen, warum Sie hier sind“, sagte der Mann. „Viel wichtiger für Sie ist allerdings die Frage, wo und wann Sie sind.“
Der Mann hatte recht, und das war das Beunruhigende. Das Warum konnte T sich denken. Aber sosehr er sich anstrengte: Er konnte nicht sagen, wie er hierhergekommen war, geschweige denn, wo sich dieses Hier befand. Sein Blick ging über Wand, Decke, Stuhl, Tisch — alles aus derselben gleichmäßigen, porenlosen Oberfläche. Dann über die Gesichtszüge seines Gegenübers: zu regelmäßig, zu sauber. Wie gezeichnet. Wie seine eigenen Handflächen. Der Gedanke, den T seit dem Aufwachen in diesem Raum weggedrückt hatte, schob sich nach vorn und ließ sich nicht mehr wegdrücken.
„Ganz recht“, sagte der Mann. „Dies ist ein Verhör-Konstrukt. Wir haben also alle Zeit der Welt, wobei Zeit eigentlich der falsche Begriff ist.“
„Wa… wann—“ Weiter kam T nicht. Seine Zunge gehorchte ihm nicht, und irgendwo in seinem Hinterkopf registrierte eine sehr ruhige, sehr ferne Instanz, dass er gerade zum ersten Mal seit Jahren keinen einzigen brauchbaren Zug mehr auf dem Brett sah.
„Ersparen wir uns dieses Gestammel! Wir haben dieses Gespräch schon tausende Male geführt, und wir werden es noch tausende Male führen — oder jedenfalls so lange, wie es dauert, um alle Informationen zu erhalten, die für uns von Wert sind. Und versuchen Sie nicht, mir Geschichten zu erzählen: Ich kenne sie bereits alle.“
T brachte tatsächlich einen ganzen Satz zustande, den ersten seit seiner Ankunft in diesem Raum. „Wenn Sie alles wissen — warum fragen Sie dann?“
Zum ersten Mal bewegte sich etwas im Gesicht des Mannes. Es war kein Lächeln. Es war die Beschreibung eines Lächelns.
„Weil Sie beim Erzählen Fehler machen“, sagte er. „Kleine Abweichungen. Jedes Mal andere.“ Er beugte sich so weit vor, dass T auffiel, dass sein Atem keine Wärme hatte. Gar keine. „Und Ihre Fehler sind das Einzige an Ihnen, das uns noch interessiert.“