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KAPITEL 00010₂

Zeit

„Von vorn“, sagte der Mann im schwarzen Anzug. Er hatte sich nicht gesetzt. Es gab in diesem Raum auch keinen zweiten Stuhl. „Und ersparen Sie mir die Version für Ihre Anwälte. Ich will die Version, die Sie sich selbst erzählen, nachts, wenn Sie nicht schlafen können.“

T atmete ein. Wo fängt man an, wenn das Ende so aussieht wie dieser Raum?

Also gut. Geboren wurde er am 11. Juni 1999 in Berlin — ein Jahr, bevor der Dotcom-Boom seinen Höhepunkt erreichte, zwei Jahre vor dessen phänomenalem Crash. Der Crash hätte das frühe Ende der durchdigitalisierten Welt bedeuten können. Er war nur der Startschuss. Als T lesen lernte, hatte Ωmegα die Suche im Netz bereits quasi-monopolisiert, der Werbeslogan so platt wie schlüssig: „Ω — Die letzte Suchmaschine, die Sie je benutzen werden.“ Als T zwölf war, trugen drei weitere Milliarden Menschen das gesamte digitalisierbare Wissen der Menschheit in der Hosentasche — Enzyklopädien, Banken, Analysewerkzeuge, alles via Ω — und benutzten es hauptsächlich, um sich beim Essen zu filmen. T hatte daran nie etwas auszusetzen gehabt. Ihn interessierte nur, was in dieser allumfassenden Vernetzung schlummerte, solange alle anderen damit beschäftigt waren, ihr Frühstück zu fotografieren.

„Die Wirtschaftsgeschichte können Sie überspringen“, sagte der Mann. „Ich war dabei.“ Er ließ eine Pause stehen, die exakt so lang war, dass sie nicht höflich wirkte. „Ihr fünfzehnter Geburtstag.“

Sein fünfzehnter Geburtstag. Genauer: die sechs Wochen davor.


Es begann an einem Donnerstagabend im Mai, am Esstisch. Seine Mutter korrigierte neben dem Teller einen Stapel Politik-Klausuren, sein Vater referierte ungefragt über einen Kollegen, dessen Habilitation er „handwerklich reizvoll, aber intellektuell feige“ fand. T wartete den richtigen Moment ab. Es gab keinen richtigen Moment. Es gab nie einen.

„Ich weiß, was ich mir zum Geburtstag wünsche“, sagte er in die Pause zwischen zwei Rotstift-Strichen. „Eine Grafikkarte.“

Seine Mutter sah nicht einmal auf. „Das ist dieses Bauteil, das zufällig genau das Kriegsspiel flüssig macht, von dem du seit Wochen redest.“

„Equilibrium ist kein Kriegsspiel. Es ist eine Wirtschaftssimulation mit… Konfliktanteilen.“

„Es ist ein gewaltverherrlichendes Kriegsspiel“, sagte sein Vater, ohne den Faden zu seinem Kollegen ganz loszulassen, „in dem der Turbokapitalismus in seiner perfidesten Art als überlegenes Gesellschaftsmodell postuliert wird. Ich habe die Rezension in der Zeit gelesen.“

„Die Rezension war zum Vorgänger.“

„Und in dem du deine ganzen Sommer verbraten wirst“, sagte seine Mutter. Jetzt sah sie auf. „Fünfhundertfünfzig Euro, T. Für fünfhundertfünfzig Euro kannst du dreimal nach London fahren und dir ansehen, wie die echte Welt aussieht. Du solltest dich mehr auf die Schule konzentrieren. Und vielleicht mal überlegen, was du mit deinem restlichen Leben so anfangen willst.“

Das war der Satz, auf den T gewartet hatte. Man gewinnt eine Diskussion nicht mit Argumenten — das hatte er in fünfzehn Jahren an diesem Esstisch gelernt, an dem beruflich argumentiert wurde. Man gewinnt sie, indem man dem Gegenüber eine Geschichte anbietet, in der es gut aussieht, wenn es Ja sagt.

„Lustig, dass du das sagst“, sagte T. „Genau darüber wollte ich reden.“

Er ließ das Tablet über den Tisch gleiten, Ωmegαs Ausschreibungsseite bereits geöffnet: Summer-4-Code, der jährliche Wettbewerb für Studenten, dieses Jahr mit Fokus auf ein neues Machine-Learning-Framework und dessen kreativen Einsatz. Dem Gewinner winkten mehrere tausend Euro, eine öffentliche Auszeichnung in den Gemäuern einer renommierten Eliteschule in London — vor versammelter Presse — und ein einjähriges Praktikum in der Ωmegα-Zentrale. T hatte den Absatz mit der Eliteschule vorsorglich so gescrollt, dass er beim Übergeben des Tablets sichtbar war.

„Ich will mitmachen. Insektenerkennung per Smartphone-Kamera, für eine NGO, die in Nigeria Malaria bekämpft. Man fotografiert die Mücke, das Modell sagt einem, ob sie zur gefährlichen Gattung gehört.“ Er machte eine kleine Pause, dann setzte er den Satz, den er seit Tagen im Kopf zurechtgelegt hatte: „Neuronale Netze trainiert man nun mal auf Grafikkarten. Dafür kann ich nichts, das ist Physik.“

Seine Mutter blätterte durch die Ausschreibung. Sein Vater beugte sich herüber und las über ihre Schulter, und T konnte den Moment praktisch sehen, in dem die Worte Eliteschule, Presse und Malaria im elterlichen Belohnungszentrum andockten. Gymnasiallehrerin für Politik und Geschichte, die Mutter. Professor für Philosophie, der Vater. Familiär also alles ganz schön gefühlt wirtschaftspolitisch-kritisch Mitte links, „Medienkonsum ist böse“ — besonders die neuen Medien — und auf den korrekten bildungsbürgerlichen Auftritt vermessen. Ein Sohn, der mit künstlicher Intelligenz Malaria bekämpft, war für diesen Auftritt ungefähr das, was die Grafikkarte für Equilibrium war: das fehlende Bauteil.

„Und das ist seriös?“, fragte seine Mutter. „Nicht wieder so eine Internetsache?”

„Es ist von Ω“, sagte T, und es war das einzige Mal in seinem Leben, dass dieser Satz in diesem Haus als Qualitätsargument durchging.


„Halten wir fest“, sagte der Mann im Anzug. Er stand jetzt irgendwo hinter T, wo die Fesseln das Umdrehen verhinderten. „Fünfzehn Jahre alt. Und Sie bauen Ihren Eltern eine Fassade, die aus nichts als wahren Tatsachen besteht — der Wettbewerb existierte, die NGO existierte, das Modell wurde geliefert — und die trotzdem in jeder Faser eine Lüge ist.“

„So würde ich das nicht—“

„Merken Sie sich diesen Satz“, sagte der Mann. „Wir kommen darauf zurück.“


Ts Plan ging auf. Jedenfalls fast. Sein Vater bestand allen Ernstes darauf, einmal pro Woche den Fortschritt des Projekts zu begutachten — wahrscheinlich hätte er am liebsten selbst mitgebastelt, hatte aber natürlich keine Zeit wegen seiner ach so wichtigen Arbeit als Professor. Damit die Vorführungen nicht zu schmal ausfielen, investierte T tatsächlich zwei volle Tage pro Woche in die Insektenerkennung. Ganz allein hätte er das Projekt ohnehin nicht umsetzen können — seine Programmierkenntnisse hätten zu diesem Zeitpunkt für kein passables Ergebnis gereicht. Er hatte zwei Mitstreiter: Nick aus Manchester und Amar aus Bengaluru, beide Informatikstudenten im Grundstudium, beide sehr erpicht auf das Praktikum bei Ωmegα, beide ausgesprochen froh, dass der Fünfzehnjährige aus Berlin ihnen nicht im Weg stand und sie nach außen hin Teamfähigkeit und Mentoring-Skills präsentieren konnten. Es war, alles in allem, ein sauberes Geschäft: Jeder log ein bisschen, jeder bekam, was er wollte, und irgendwo in Nigeria würde am Ende sogar jemand Mücken fotografieren können.

Am Abend seines fünfzehnten Geburtstags begann für T ein neuer Lebensabschnitt — so fühlte es sich für ihn jedenfalls an. Die Grafikkarte war in zwanzig Minuten verbaut, Equilibrium 4X seit Wochen installiert, und sein Spielcharakter wartete fertig konfiguriert im Menü: Y18R, Kurzschreibweise für Yet another Doom Slayer.

T hatte Y18R osteuropäisch anmutende Gesichtszüge verpasst, militärisch kurze schwarze Haare, Dreitagebart. Darunter ein leicht muskulöser Körper mit durch die Haut scheinenden Augmentationen und bläulich schimmernder Tattoo-Wetware — auf den ersten flüchtigen Blick ein kaukasischer Elite-Söldner im Weltall. Der zweite Blick irritierte: ein golden schimmerndes Gewand mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, halb metallisches Gewebe, halb schwarz-milchige Kraftfeld-Flicken. Stechend hellblaue Augen, schwarze Fingernägel, ungewöhnlich fahle Haut. Die HiTech-Version eines Necromancers, dachte T, und fand die Vorstellung erstaunlich passend, ohne sagen zu können, wofür.

„Beschreiben Sie den Charakter genauer“, sagte der Mann im Anzug.

T stutzte. „Es ist ein Avatar. Kosmetik. Was spielt das für eine—“

„Die Fingernägel“, sagte der Mann. „Waren sie schwarz lackiert oder schwarz gewachsen?“

T öffnete den Mund und merkte, dass er die Antwort wusste, ohne je darüber nachgedacht zu haben, und dass ihm diese Tatsache nicht gefiel.

Der Mann notierte nichts. Er hatte die ganze Zeit nichts notiert. „Weiter“, sagte er. „Der Abend. Die erste Session.“

T drückte „Join“.